langobardentheorie

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Die Herkunft der Zimbern

 

Dr. Bruno Schweizer

 

 

 

Veröffentlicht 1948 auf S. 111-129 im Jahrbuch für vergleichende Volkskunde «Die Nachbarn» I. Band. Herausgegeben von Will Erich Peuckert. Verlag von Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen.

 

« Zimbern » nennt man gemeinhin die Bewohner der Sieben und Dreizehn Gemeinden, deren eigenartigen deutschverwandten Dialekt zum erstenmal der bayerische Gelehrte Johann Andreas Schmeller 1838 in den Abhandlungen der Bayer. Akademie der Wissenschaften wissenschaftlich untersucht hat.

Es ist schon reichlich viel über sie geschrieben worden, insbesondere über die Frage ihrer Herstammung. Gewissermaßen ein abschließendes Urteil darüber will Stolz in seinem Werke: « Die Ausbreitung des Deutschtums in Südtirol im Lichte der Urkunden » (München 1927, Bd I, S.89ff.) nach reiflicher Erwägung der ihm vorliegenden Argumente abgeben, indem er, annähernd der Ansicht Schmellers folgend, für wahrscheinlich hält, daß 1. das geschichtliche Alter der Siedlungen nicht über das 10. bis 11. Jahrhundert zurückreiche, und 2. daß es sich dabei nicht um Überreste einer in das Gebirge gedrängten, aus der Völkerwanderungszeit stammenden germanischen Bevölkerung, sondern um Pioniere einer aus Deutschland sich fleckweise vorschiebenden Ausdehnung handle.

Besonders wendet er sich dann S.91 im Hinblick auf die Trienter Sprachinseln im Fersental gegen die Meinung, daß sich am Südabhang der Alpen bis Verona und Vicenza Volkstum und Sprache germanischer Völkerwanderungsreste (besonders von Goten und Langobarden) erhalten hätten und auf dieser Grundlage, verstärkt durch neuen Zuzug aus Deutschland seit der politischen Angliederung der Mark Verona an das Deutsche Reich, sich im 10. bis 13. Jahrhundert eine fast geschlossene oder doch überwiegend deutsche Siedlung ausgedehnt habe, und daß man diese Annahme auch zur geschichtlichen Erklärung des Deutschtums im Trienter Etschgebiet bis hinauf gegen Bozen heranziehen wolle. Von der Haltbarkeit dieser Auffassung habe er sich aus folgenden Gründen nicht zu überzeugen vermocht:

1. fehlten die Voraussetzungen, nämlich die Beweise, daß die Langobarden im Gebiete von Trient ihre germanische Volksart besser und länger bewahrt hätten als in anderen Teilen ihres Reiches,

2. reichten die wenigen Nachrichten, die wir über die erste deutsche Niederlassung in jenen welschtiroler Sprachinseln haben, nicht über das 12. Jahrhundert zurück,

3. befänden sie sich durchwegs in den höchsten Lagen des Landes, die aller Berechnung nach zuletzt besiedelt worden sind,

4. sei die Mundart dieser Sprachinseln im Trienter Gebiete gleich jener in den Sieben und Dreizehn Gemeinden der tirolisch-bairischen zunächst verwandt.

Dies sind aber nur negative Kriterien, die jederzeit durch neue Feststellungen oder Entdeckungen umgestoßen werden können und auch tatsächlich bereits durch die seit der Abfassung des Werkes (1927) neugewonnenen Erkenntnisse philologischer Art wesentlich eingeschränkt (1) werden, ganz abgesehen davon, daß das stark gewachsene Interesse an der historischen und kulturellen Sendung des Langobardentums bereits verschiedene neue Bücher und Forschungen angeregt hat. Überdies bereitet man auch auf italienischer Seite einschlägige Arbeiten vor.

Auch für mich war, solange ich nur die Literatur über die Zimbern, diese selbst aber noch nicht persönlich kannte, die Annahme einer Ansiedlung bairischer Bauern geradezu Evangelium und jede Verbindung mit Langobarden ebenso unsinnig wie eine solche mit den seligen Cimbern des Marius.

Aber schon meine ersten knappen Aufnahmen, nach denen ich Ende 1939 mein Büchlein über Giazza herausbrachte, belehrten mich, daß wohl von einer gewissen Verwandtschaft mit dem Südbairischen gesprochen werden muß, daß man aber auf keinen Fall annehmen darf, es habe sich im Zimbrischen gewissermaßen ein sonst überall verschwundener Urzustand des Bairischen - etwa des XI., XII., oder auch XIII. Jahrhunderts - erhalten. Der Vergleich mit Island, in den Schmeller seine Abhandlung von 1838 ausklingen ließ, hinkt stark.

Es war ja der Adel Norwegens der, nach 875 von der Diktatur des Harald Hárfagur nach der freien Nordinsel auswanderte und Sprache und Sitte, Glauben, Sinnesart und Sagengut mitnahm, und wohl mehr der inneren Stärke als der äußeren Abgeschlossenheit war die Bewahrung altnordischer Sprache dort zu verdanken.

Wenn man aber zu den Zimbern kommt, dann ist für jeden, der Bayern und Tirol kennt, der erste Eindruck der von wirklich echt einheimischen Menschen: dies sind keine Bayern und noch weniger Tiroler; solch germanisch aussehende blonde, blauäugige, hellhäutige Leute sind dort in Tirol und Bayern die Ausnahme, aber nicht die Regel (2).

Ich kann mir nicht denken, aus welcher Gegend Bayerns die Zimbern kommen sollten; ihr Habitus und ihre Art zu reden und sich zu bewegen würde am ehesten noch ins Alemannische oder dessen Nachbarschaft passen, aber auch nur deshalb, weil sich dort das germanische Element reiner erhalten hat.

Ihre somatische Sonderheit findet sich auch außerhalb der heute noch zimbrisch verstehenden Gebiete in Oberitalien erstaunlich weit verbreitet, jedoch immer in ziemlich gut abgegrenzten Bezirken, so besonders im Raume der Dreizehn Gemeinden ob Verona, wo die Angrenzer mediterraner Rasse meist mit unverhohlenem, ja oft feindseligem Neid die edlere Naturgestalt ihrer Nachbarn anerkennen müssen.

Gerade diese Beschaffenheit war es immer schon, die mehr als das Sprachliche dem Volke bewußt wurde und es verhältnismäßig rein erhielt. Schon 1763 schrieb Marco Pezzo folgendes:

«Ueberdies sind wir den Deutschen an Aufrichtigkeit, Treue, liebreicher Aufnahme der Fremden, Tapferkeit, Stärke, selbst an Liebesgestalt und Neigung zum Essen und Trinken so ähnlich, daß man glauben möchte, wir müssten erst jüngst aus unsern vorigen Ländern (3) gekommen sein... Es findet sich ferner bei verschiedenen Familien ein gewisser Adel des Geblütes bei beiden Geschlechtern, der von unsern Vorfahren auf sie vererbt worden ist, in einer angeborenen Großmut, in einer natürlichen Artigkeit des Betragens und endlich in einer edlen Miene, welche sich in ihrem Gesichte zeigt, obwohl sie zwischen Wäldern und Felsen wohnen und nur der Viehzucht und andern ländlichen Beschäftigungen obliegen ».

Aehnliche Bemerkungen findet man auch bei Dal Pozzo für die Sieben Gemeinden, und man kann sie tatsächlich noch heute weitgehend bestätigt finden und zwar nicht nur in den Gebirgs-Orten der Ebene wie Schio, Recoaro, Arsiero und Malo. Gerade diese somatisch andersartige Beschaffenheit hat wohl zu den verschiedenen Einwanderungssagen Anlaß gegeben, daß etwa die Malenser von den Goten, die Schleiter von den Angelsachsen und die übrigen von den Cimbern des Marius stammen und aus der Wiege des Germanentums, aus Dänemark, gekommen sein sollen.

Ich glaube, die Zimbern müßten schon sehr früh, mindestens um 600—700, etwa als Vorausabteilung der Tirol besetzenden Urbaiwaren, bis Vicenza und Verona vorgestoßen sein und dann, da ja das gute Land schon von den Langobarden besetzt war, sich mit den unwirtlichen Gebirgstälern begnügt haben und ferner von ihrem « Wirtsvolke » die bekannten Rassegesetze übernommen haben, die ihnen dann den Bestand ihrer rassischen Eigenart bis zur Gegenwart gesichert hätten. Eine spätere Einwanderung, insbesondere eine solche im XII. oder XIII. Jahrhundert, würde aus Bayern oder Tirol wohl nur verarmte Hintersassen schlecht verwalteter Herrschaften von ganz unberechenbaren körperlichen Merkmalen gebracht haben; die Zeit der großen Ostkolonisation war fast vorbei und die des inneren Ausbaues war gekommen, wie uns die vielen Rodungsnamen aus jener Zeit um die Altsiedlungen herum deutlich lehren. Die Siedler dieser späteren Epoche hätten niemals das Selbstbewußtsein und den Freiheitswillen, den kriegerischen Geist und republikanischen Sinn aufgebracht, der aus allen Nachrichten über die Zimbern und nicht zuletzt aus den Gesetzen und Statuten spricht, unter denen sie viele hundert Jahre lebten, und die sie natürlich immer wieder ihren Oberherren abtrotzen mußten. Selbst für Siedler der bairischen Ostkolonisationszeit (955—1000) erscheint mir solche Gesinnung nicht mehr wahrscheinlich. Sie kann sich auch nicht von selber bilden, wenn nicht Keime geistiger Art vorhanden sind, die den Leuten das Bewußtsein geben, irgendein großes, ruhmvolles, wenn auch tragisches Schicksal der Ahnen fortzusetzen. Es hätte sich m. E. auch irgendwo die Spur einer Einwanderungssage erhalten müssen, aus der Beziehungen zu Bayern oder Tirol zu entnehmen wären — aber trotz des erstaunlichen Sagenreichtums findet sich nichts davon. Im Gegenteil, die Leute kennen Tirol nur wie ein feindliches Hinterland und Deutschland oder Oesterreich erst, seitdem sie dort als «Italiener» Sommerarbeit suchten — was wohl erst seit 1803 möglich war.

Unter « Deutsch » verstehen die Zimbern den Unterschied zum Romanischen, d.h. ausser ihrem Dialekt noch den der Oesterreicher, und in Bayern fängt für sie schon « Prussia » an; Bozen heisst nach trentiner Aussprache « Bolzàng »; Innsbruck und Vienna — Wien sind kaum bekannter als « Monaco » — München.

Auch für Tirol wird nur der italienische Ausdruck « Tirolo » gebraucht, während umgekehrt für eine Reihe italienischer Orte gut zimbrische Namen gang und gäbe sind, die z.T. ältere oder eigentümlichere Formen bewahren als die entsprechenden italienischen (4).

So lautet Verona zimbr. « Bearn, Bern ». Dies entspricht dem Bern, Berne der deutschen Heldensage, das schon im 9./10. Jh. als « Perina » und später als « Berna » glossiert wird. Das setzt eine Nostrifizierung der romanischen Aussprache durch langobardischen Mund voraus, wobei der Labiodental v durch einen Igb. Bilabial b oder p ersetzt wurde, der Akzent auf die erste Silbe verschoben und die Mittelsilbe ausgelassen wurde. Das in der älteren Glosse erscheinende p ist wohl am ehesten als Igb. Schreibung für den Laut ph auszulegen (vgl. Brückner § 68), der damit als Spirant und als wesentlich verschieden sowohl vom rom. v als auch vom germ. w ausgewiesen wird. Letzteres hätte wohl als gu oder uu erscheinen müssen. Das später auftretende b wird klar durch das Zimbrische fortgesetzt, dessen b als bilabiales meist durch einen leichten b-Verschluß eingeleitetes w gesprochen wird, so dass es dem ital. b sehr nahe kommt.

Trient lautet zimbr. «trin», dessen Entwiklung aus dem lat. Tridentum ebenfalls eine Lan-gobardisierung voraussetzt, indem der Akzent auf die erste Silbe gezogen und die Endsilbe vernachlässigt wurde, so dass triden entstand, das nach rom. Lautgesetz sein inlautendes d verlor; das verbleibende «trien» wird zimbr. monophthongiert.

Recoaro (aus lat. Recubarium) lautet zimbr. « rikavér », « rikebér » (SchmBg) bewahrt das alte b.

Schio (aus lat. Scledum, Sledum) lautet zimbr. « slait », wobei sowohl im l wie im t ein wesentlich älterer Lautstand als im Romanischen bewahrt ist. Ähnlich bewahrt zimbr. « slege » (aus lat. Asiliacum) für it. Asiago das nicht mouillierte l. In zimbr. « kjenne » für Thiene (it. dial. tséne) liegt ebenfalls ein älterer Lautstand vor. Merkwürdig ist auch die Form « Roamond », « Roamant » (SchmBg) für Rom, die m.E. von dem Einwohnernamen Romani herzuleiten ist (mit sekundärem d). Aus den romanischen Lehnwörtern im Zimbrischen erweist sich die Tatsache, daß im Hochmittelalter die Umgebung des Zimbrischen noch nicht italienisch, sondern eine Art ladinisch war; durch die von den gleichen Vorgängen betroffenen, aus dem Romanischen entlehnten Ortsnamen werden diese Nachbarschaftsverhältnisse geographisch näher bestimmbar. Es wäre also verfehlt, zu schließen, dass der Sitz der Zimbern früher nördlicher (etwa in Nachbarschaft der heute ladinisch sprechenden Restgebiete) gelegen haben müsste, sondern im Gegenteil, wir entnehmen daraus den für die Entwicklungsgeschichte des Romanischen bedeutsamen Schluß, daß dem Ladinischen ähnliche Mundarten einst sogar einen wesentlichen Teil der Poebene erfüllten, wo ja heute noch das dem Ladinischen sehr nahe stehende Friaulische ein beträchtliches Gebiet beherrscht. Es müßte möglich sein, aus einer zusammenfassenden Untersuchung über die Lautentwicklung der zimbrisch-romanischen Lehnwörter bündige Schlüsse auf Zeit und Gegend der Übernahme zu ziehen.

Völlig versagt die Ansiedlerhypothese, wenn man versucht, aus dem heutigen sprachlichen Befund des Zimbrischen Herkunftsschlüsse zu ziehen, wie man dies ja mit Erfolg bei den Siebenbürger Sachsen, den ungarischen Sprachinseln und sonst noch angewandt hat. Man kann die erforderlichen Komponenten im bairischen Sprachgebiet gar nicht so auffinden, dass sich aus ihnen mit einiger Wahrscheinlichkeit das Zimbrische ergeben würde. Man kann dagegen einwenden, daß die Abspaltung schon so früh erfolgte, daß auch das Bairische inzwischen seine Entwicklung durchmachte — es ist aber nicht zu begreifen, daß z.B. die Entwicklung des alten eu im Bairischen andere Wege ging als im Zimbrischen. Während dort (abgesehen von der jüngsten schriftsprachlich beeinflußten Entwicklung) das alte eu und der Umlaut des alten û scharf auseinander gehalten werden, hat das Zimbrische für beide Lautgruppen nur eine Entsprechung, das gerundete , in Giazza sogar (vielleicht sekundär?) au, was Schatz (Althochd. Gram. § 44) als unbairisch anspricht (alem. oder fränk.). Man beachte wohl, daß diese Entwicklung die beiden heute noch lebenden Gruppen des Zimbrischen ganz gleichartig betrifft, obwohl sie miteinander Jahrhunderte hindurch bestimmt keine engeren Verbindungen hatten als etwa mit den Tirolern oder Bayern. Wenn man Einzelsiedler als Grundlage der späteren Sprachinseln annehmen wollte, die durch Zufall oder Willkür bestimmt wurden, dann kann man nicht verstehen, daß an zwei weit entlegenen und früher noch weniger als jetzt, aber auch jetzt nicht miteinander in Verbindung stehenden Gebieten genau die gleiche Mischung von Ansiedlern zustande gekommen wäre, die dann in den folgenden Jahrhunderten zwar in gewissen grammatischen Einzelheiten voneinander abwichen, aber doch bestimmte, nur dem Zimbrischen eigene Sprachgesetze bewahrten, die es den Zimbern erlauben, die verschiedenen Gruppen als ihresgleichen zu erkennen, wie es Bayern, Schwaben oder Niedersachsen in ihrem Bereiche können.

Schon aus der Tatsache, daß im Zimbrischen Entsprechungen wie aueu und û; oder a = ahd. â, vorliegen, muss man bei der Annahme bairischer Herkunft als Zeitpunkt der Abspaltung mindestens das 10.—11. Jahrhundert ansetzen; die Erhaltung der -o- und -a- Endung der n-Stämme in den Sieben Gemeinden erfordert denselben Zeitpunkt. Dies würde zwar gut mit dem oben aus negativen Gründen für weniger unmöglich erklärten Zeitpunkt 955—1000 einer frühbairischen Kolonisation zusammenstimmen, wenn überzeugende positive Argumente vorlägen; sie liegen aber nicht vor.

Das, was wir heute als « Bairisch » empfinden und beurteilen, ist jedenfalls nach Maßgabe der schriftlichen Überlieferungen fast ausschließlich Ergebnis der nachmittelhochdeutschen Zeit, also einer Zeit, in der die Zimbern auch beim spätesten Ansatz ihrer Abspaltung längst in ihren abgesonderten Wohnsitzen hausen mußten. Es müssen also doch irgendwelche Fernverbindungen auch noch in späterer Zeit bestanden haben, auf deren Bahnen verschiedene Entwicklungen nachmhd. Zeit gleichgeschaltet wurden. Dies sei unbestritten. Das Zimbrische trägt ja einen unverkennbaren tirolisch-bairischen Firnis.

Für die Beurteilung der Herkunft sind aber auch noch andere Momente wichtig. So fehlen dem Zimbrischen die meisten typischen Alpenwörter. Es ist auffallend, dass die Zimbern für die Gebirgstiere Hirsch, Hirschkuh, Reh, Birkhahn keine alten Namen besitzen. Es ist doch nicht wahrscheinlich, dass sie von Tirol kommend ausgerechnet diese Namen verloren hätten, vielmehr dürften sie dieselben im Flachland nicht gekannt haben und benannten sie deshalb, als sie in die Berge stiegen, mit « Wilder Ochse » — « Wilde Kuh » — « Wilde Geiß » — « Wilde Henne». Für die Gemse, soweit man sie nicht mit dem Reh zusammenwirft, sagt man « Kamotza » mit einem rom. Lehnwort. Die Felsen werden « stela » = Wandbrett, Stellbrett genannt, die Almen heissen einfach «Berge».

Die Zimbern haben ferner keine unterschiedlichen Bezeichnungen für die Brunst der Herdentiere wie in Tirol und Bayern überall. Auffallend ist auch die Bezeichnung « Sache » für das Nutzvieh (Rinder, Schafe und Ziegen), was auf die alte Bedeutung « Rechtshandel » zurückgeführt werden muss. Man blieb allerdings beim Rechtshandel nicht stehen, sondern betrachtete das Vieh als Streitobjekt an sich. Da im Zimbr. die hochd. Bedeutung « Gegenstand » für das Wort « Sache » fehlt, kann sie nicht zum Ausgangspunkt des Bedeutungswandels gemacht werden. Und da sich diese vom Tirolisch-Bairischen ganz abweichende Bezeichnungsweise in gleicher Weise in den Sieben wie in den Dreizehn Gemeinden findet, kann sie sich nicht erst in der Bergabgeschlossenheit entwickelt haben. Es liegt m.E. eine andere Struktur der Viehwirtschaft zugrunde, die mehr aufs Große nach Art von Farmbetrieben geht, denen der liebevolle Kleinbetrieb nach Tiroler Art völlig fremd ist. Man erkennt dabei auch aus der Sprache deutlich, daß die Stellung des Menschen zum Tier mehr der romanischen Geisteshaltung entspricht. Hinzu kommt noch, daß in Giazza ob Verona die Ausdrücke des Getreidebaues nur rudimentär erhalten sind, so daß « paugan » nicht mehr pflügen sondern « durch tiefen Schnee waten » bedeutet und « dreschen » für « Bäume schütteln » gebraucht wird. Das Pflugmesser («Sech») hat nach Schm. Bergm. 168 die Bedeutung « Degen » (spadia) angenommen.

Interessant ist schließlich, dass das Wort «Wand» im Zimbr. den Stein bezeichnet. Da das Wort doch zu «winden» gehört, bedeutete es ursprünglich die aus Zweigen und Ruten geflochtene und dann mit Lehm verkleidete Hauswand. Um zur Bedeutung « Stein » (in Giazza selbst der kleinste Kieselstein) zu gelangen, müssen wir einen langen Umwandlungsweg in einer nur mit Steingebäuden besetzten Gegend voraussetzen, deren Wände eben grundsätzlich aus Bruchsteinen bestanden — dies konnte nicht das holzreiche Bergland, sondern nur die Ebene sein, die aus dem an Steinbrüchen reichen Gebirgsrand ideales Baumaterial bezieht.

Hierher darf man vielleicht auch die Tatsache der Plattenzäune in den holzreichen zimbrischen Gebieten stellen. Denn die Umhegung der Gärten, Wege und Weidegründe mit oft mannshohen Steinplatten ist wohl in ihrer allgemeinen Verbreitung nicht so sehr eine Folge des geeigneten Mineralvorkommens als vielmehr ein Erbe mediterraner Steinkultur.

Und dann muß noch die überaus enge Bindung des Zimbrischen aller Gruppen an das Italienische, bzw. an die romanischen Mundarten des umgebenden Raumes, ins Auge gefaßt werden, die sich auf Lautgebung (5), Wortschatz (6), Bedeutung (7), Formenlehre und Satzbau (8) erstreckt, ohne daß dadurch übrigens die Sprache radebrechend oder unbeholfen würde. Im Gegenteil, die Fremdworte und Lehnworte fügen sich elegant in den gewöhnlich raschen und wuchtigen Redefluß, sie ermöglichen den Zimbern eine gewählte und genaue Ausdrucksweise, die mit keinem unserer Binnendialekte zu vergleichen ist. Die Sprachmelodie und die ganze Diktion klingt völlig unbairisch-untirolisch, das Verweilen auf den Längen und das oftmalig unverständliche Zusammenraffen einer ganzen Reihe von Kürzen und nebensächlicheren Wörtern erinnert lebhaft an den germanischen Sprechvers, aber nicht an das musikalisch tönende, silbenzählende Schnaderhüpfel. Bezeichnenderweise kennt das Zimbrische auch den Endreim in seinen Liedern nur ausnahmsweise.

Aus diesen Tatsachen, die nur eine kleine Auswahl darstellen, muß man folgendes schließen:

Die Zimbern kamen in ihre heutige Heimat nicht aus einem Gebiet der Einzelviehwirtschaft, sondern einem solchen des Getreidebaues (s. auch Fußn. 6) und Steinhauses, also von Süden her; sie kamen nicht aus dem Gebirge, sondern aus dem Flachland. Sie kamen ferner aus einer Gegend, wo sie jahrhundertelang als Minderheit im gemischtsprachigen Raum mit Romanen gelebt haben, bis sie in die völkische Isolation gingen. Sie müssen aber dennoch in der Zeit der Sprachmischung ihre germanische Eigenart im wesentlichen treu bewahrt haben, obwohl ihnen das kulturelle Übergewicht des Romanischen eine so weitgehende Anpassung aufzwang. Nur so ist es nämlich erklärbar, daß einerseits noch vor 100 Jahren die Kenntnis des Italienischen fehlte (aber auch schon um 1600, sonst hätte man keinen zimbrischen Katechismus gebraucht!), daß aber anderseits die Sprache selbst tausend Zeugnisse für einen weit zurückreichenden Zusammenhang mit der Entwicklung des Italienischen bietet. Es wäre sehr wichtig, einmal zu untersuchen, bis in welche Zeit zurück die einzelnen Anleihen reichen, welche Gebiete sie betreffen, und ob man vielleicht aus den Einzelheiten dieser Anleihen Rückschlüsse räumlicher Art (Einzugsbereich und Wanderweg der Einflüsse) ziehen kann.

Man darf ja überhaupt das Zimbrische nicht immer wie eine Insel betrachten; denn selbst wirkliche Inseln leben nicht isoliert, wie das Isländische zur Genüge beweist. Wenn also schon das Romanische, das mindestens in den letzten 4 - 5 Jahrhunderten von den Zimbern kaum verstanden wurde, sich von mächtigem Einfluß auf das Zimbrische erweist, dann mußten die tirolischen und bairischen Nachbarmundarten, die man doch im Wortschatz verstehen konnte, schon dann von irgendeiner Bedeutung sein, wenn auch nur einzelne Personen damit in Berührung kamen, wie Schmuggler oder Soldaten.

Daß das Zimbrische auch nach Norden nicht völlig abgesperrt war, beweist vor allem die Dialektgeographie, die auf einer gewissenhaften, methodisch gut vorbereiteten und möglichst Ort für Ort berücksichtigenden Aufnahme der gesprochenen Sprache vom Munde der Sprecher beruht.

Für das deutsche Sprachgebiet von Südtirol habe ich diese Aufnahme in den Jahren 1941—44 durchgeführt und bin zur Zeit noch mit der Auswertung des Materials beschäftigt. Allerdings fehlt mir eine vergleichbare Aufnahme des zwischen Zimbern und Deutschsüdtirol liegenden welschtiroler Gebietes, die sicherlich noch manches zu den hier erörterten Problemen beitragen könnte.

Die Dialektgeographie zeigt mir augenfällig, daß die Zimbernfrage eng zusammenhängt mit der ganzen Südtirolfrage. Ich habe nämlich mein Südtiroler Fragebuch auch im Fersental und in allen zimbrischen Gemeinden und Restgebieten (wie Foza und San Sebastiano) abgefragt, so daß Verwandtes und Fremdes aufscheinen muß. Und da zeigt sich, daß viel sprachliches und volkskundliches Kulturgut (was ich weitgehend berücksichtigte) in Südtirol steckt, das wohl in den zimbrischen Gebieten, nicht aber in Bayern (oft auch in Nordtirol nicht) seine Entsprechungen hat (9). Wir finden nicht, wie das sonst in Sprachgrenzennähe normal ist, ein allmähliches Ausklingen, ein Verebben des Volkswüchsigen — sondern ein stufenweises Anschwellen, eine Häufung andersartiger Erscheinungen bis zu einem klaren Abbruch an den zimbrischen «Inseln», denen dann ein Trümmermeer anklingender Reste germanischer Herkunft in Form von Namengut und Lehnworten (vgl. Attlmayr, Die deutschen Kolonien im Gebirge zwischen Trient, Bassano und Verona; Ferd. Ztschr. 12. 13; 1865, 67) (10) vorgelagert ist. Wir erkennen: hier war einmal etwas Großes, das in Stücke brach und versank!

Was sollte dieses rätselhafte Große anderes gewesen sein als die mächtige langobardische Kultur germanischer Art, selbst wiederum erwachsen auf dem Boden, der vom Blute der Ostgoten gedüngt war? Das Langobardische bildete in Italien nach der Gründung des langobardischen Reiches (568) eine große Sprachinsel, deren Schwergewicht nach den Forschungen Gamillschegs (Romania Germanica II) im Norden lag.

Besonders wichtig ist für uns folgende Feststellung a.a.O. S. 120: «Es ergibt sich, daß im eigentlich venetianischen Gebiet Vicenza mit der Verhältniszahl 148 ein Hauptstrahlungszentrum langobardischer Namen ist... Vicenza zunächst kommt Verona (83)..., dagegen sinkt im trientinischen Gebiet die Verhält-niszahl auf 11 herab». Im Jahre 774 brach das langobardische Reich unter den Siegen Karls zusammen, und wenn auch von den einschlägigen Forschern angenommen wird, daß die langobardische Sprache bis dahin noch voll lebendig war, so sind sie sich doch auch andererseits einig, daß sie im 10. Jahrhundert erlosch. Sie hätte also den Zusammenbruch des Reiches keine 200 Jahre überlebt, während wir doch meist auch bei den kümmerlichsten Sprachinseln eine unglaubliche Zähigkeit und Lebensdauer mitten im fremden Volkstum beobachten können.

Wir wissen noch zu wenig über die langobardischen Siedelungsverhältnisse in der fraglichen Zeitspanne. Siedelten die Langobarden wirklich nur in schütterer Streulage auf Besitzdritteln unter der romanisierten Urbevölkerung, oder schlossen sie sich doch auch (wie vermutlich in der Stadt Trient) zu Vierteln zusammen? Wirkte sich die Aufhebung des Mischehenverbotes 727 gleichmäßig sprachzerstörend auf das ganze Land aus, oder hielt sich um Vicenza und Verona doch noch lange ein beharrsamer Volkskern lebendig? Da wir aber einerseits bei den Langobarden ohnehin ein Fortleben der Sprache bis ins 10. Jahrhundert annehmen dürfen, anderseits aus historischen und sprachlichen Gründen das erste Auftreten der Zimbern in ebendiese Zeit ansetzen müssen, ist kein vernünftiger Grund einzusehen, warum wir die beiden nicht miteinander verknüpfen sollen. Die Frage der Herkunft der zimbrischen Sprachinseln muß mit der Frage des Verschwindens der Restlangobarden irgendwie zusammenhängen. Es handelt sich nur noch um das «Wie».

Und hier hilft uns das Buch von Fedor Schneider «Die Entstehung von Burg und Landgemeinde in Italien. 1924» entscheidend weiter.

Schneider zeigt, daß die Langobarden in Italien nach byzantinischem Vorbild die staatliche Organisationsform der Limitansiedlung von Arimannen (harimannus = exercitalis, Kriegsmann) auf fiskalischem Boden in großem Umfange an allen für die Landesverteidigung wichtigen Punkten durchgeführt haben. Besonders ausgeprägt und dicht liegen die Arimannensiedlungen im Gebiet von Verona zum Schutze der wichtigen «Berner Klause».

Sie sind auch in der Valsugana, im Fersental und weiter hinauf im Cembratal und am Kastelruther Berg an der Säbener Klause nachgewiesen. Ob Arimannensiedlungen auch im Süden und Südwesten der Sieben Gemeinden festgestellt worden sind, konnte ich nirgends finden, es ist aber m.E. mit Gewißheit anzunehmen, daß das Gebiet von Recoaro, Schio, Thienne, Malo als Verbindungsglied vom Etschtal zum Suganertal gleichmäßig durch Arimannien gesichert war.

Die Arimannien waren nach Schneiders grundlegenden Feststellungen unwiderruflicher erblicher Besitz ihrer Träger, die dem Heerbann und Gericht des Grafen unterstanden.

Die Einrichtung als solche ist in verblüffender Kontinuität von den Römern auf die Byzantiner, von diesen auf die Goten und schließlich auf die Langobarden übergegangen und ich sehe in den auffallenden Privilegien, die von der Republik Venedig und den Bischöfen von Verona den Zimbern immer wieder gewährt wurden (und stets mit dem ausdrücklichen Hinweis auf deren Pflicht, die Grenze zu verteidigen) nur die geradlinige Fortsetzung jener altbewährten Einrichtung.

Die Besetzung der Arimannien erfolgte seitens des langobardischen Staates, der offenbar Staatsgrund im Grenzgebiet in weitestem Ausmaß an verarmte oder infolge der unerhörten Vermehrung des langobardischen Volkes durch weitere Aufteilung des väterlichen Besitzes nicht mehr zufriedenzustellende Freie zur Verfügung stellte.

Die Regierung schuf so wirtschaftlich selbständige, aber zum Kriegs- und Grenzwachtdienst verpflichtete Staatsbürger und wich der anderen für das Volkstum weniger günstigen Möglichkeit aus, sie als «Libellarier» dem Großgrundbesitz zu unterstellen, wo sie in kurzer Zeit zu Schollenpflichtigen geworden wären.

Während im übrigen Lande die Langobarden verstreut als Grundherren auf enteigneten Gutsdritteln und herrenlosem Großgrundbesitz der romanischen Vorgänger oder gotischen Vorbesitzer saßen, brachte die Staatskolonisation im Grenzraum in Form der Arimannengemeinden unter ihren Schultheißen (lgb. sculdahis) eine Zusammendrängung des germanischen Bevölkerungselementes zustande, die gleichzeitig eine positive Auslese bedeutete, da ja vorwiegend die kriegstüchtige Jugend dafür in Frage kam.

Es ist also von vornherein wahrscheinlich, daß in den von Arimannenkolonien durchsetzten Gegenden sich am ehesten irgendwelche Reste der langobardischen Kultur und Sprache bis heute erhielten.

Das Langobardische war mächtig, als das Bairische noch unbedeutend war; und als das Baierntum seine erste Höhe der Selbstbewußtheit und Machtentfaltung (Ostkolonisation) erreichte, finden wir das Langobardentum schon am Rande des Unterganges. Eine Zeitlang reichen sich die beiden ohnehin eng verwandten Stämme freundschaftlich die Hände (vgl. F. Dahn, Könige d. G. 9, 2, S. 36). Und diese Freundschaft, die durch den gemeinsamen Feind, die Franken, geradezu erzwungen wurde, führte ohne Zweifel zu einem lebhaften Kulturaustausch, der natürlich in erster Linie von Süden nach Norden ging. Und als dann das langobardische Reich zusammengebrochen war, trat Bayern sogar in gewissem Sinne seine Erbschaft an, indem die 951 geschaffenen Marken Verona, Trient und Friaul (Aquileia) 50 Jahre unter bairische Herrschaft kamen. Nunmehr ist also der bairische Einfluß der mächtigere, und in diese Zeit, die ohnehin durch die gewaltige Evolution der Ostkolonisation gekennzeichnet ist, ist der Beginn des Vordringens bairischer Sprach- und Kulturelemente nach Süden anzusetzen.

Wir müssen uns das Langobardische und das Bairische als Kulturzentren vorstellen, deren Ausstrahlungen sich in Form von Sprachgewohnheiten, Sitten und Glaubensvorstellungen, also von sprachlich und volkskundlich erfaßbaren Wellen oder Einsprengungen objektivierten.

Irgend etwas muß davon gerade in so konservativen Gebieten, wie den Alpentälern, immer hängen bleiben und schließlich in Resten auch heute noch zu finden sein.

Einen Haken hat es nur mit dem Langobardischen. Wir wissen herzlich wenig von dessen Beschaffenheit und Geschichte; kein einziger zusammenhängender Text ist uns in dieser Sprache überliefert, ja nicht einmal Glossen zu fremden Texten, sondern nur gelegentliche Vokabeln, die aus Kuriosität oder des prägnanteren Ausdrucks halber besonders in Rechtsdokumenten lateinischer Fassung überliefert wurden, und Lehnwort- und Namensgut, aus dem man mühsam die mutmaßliche Lautform rückerschließt.

Bruckners grundlegende Arbeit über «Die Sprache der Langobarden» (Straßburg 1895) hat das Altlangobardische aus seinen Resten erschöpfend dargestellt. Es ergibt sich daraus eine weitgehende Übereinstimmung mit dem Konsonantismus des gleichzeitigen Althochdeutschen, während der Vokalismus, soweit dies durch den Schleier der romanischen Schreibungen zu durchblicken ist, mehr altertümlich geblieben ist. Wir wissen aber so gut wie nichts über die wahren Lautverhältnisse im ausklingenden Spätlangobardischen, von dem man doch annehmen muß, daß es schon infolge der ständigen Berührung mit dem Bairischen und Fränkischen eine dem Mittelhochdeutschen parallele Wendung genommen hat.

Ich will durch eine vergleichsweise Annahme klarmachen, wie man sich diese Sachlage in Anwendung auf die zimbrischen Inseln vorzustellen hat.

Gesetzt den Fall, das altbairische Stammesgebiet zwischen Lech, Donau und Salzach hätte das Schicksal des Langobardenreiches geteilt und wäre ebenso wie jenes im 9. oder 10. Jahrhundert rückromanisiert worden — Ansätze dazu waren zweifellos vorhanden; in solchen Zeitpunkten entscheiden oftmals Kleinigkeiten für alle Zeit. Wäre also damals Rom wieder mächtig geworden und hätte die Sprachgrenze bis zum Lech und nördlich bis zur Donau vorgetragen, und weiter angenommen, es wären lediglich ein paar inselhafte deutsche Sprachgebiete, die man bestenfalls ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen könnte, sagen wir um Wessobrunn, zwischen Ammer- und Würmsee und bei Rain oder Schrobenhausen, nahe der Donaugrenze, erhalten geblieben, während das übrige Bairische einfach nicht existierte, dann hätten wir ungefähr das Problem der zimbrischen Inseln vor uns.

Und selbst angenommen, es wäre vom einstigen Altbairischen mehr erhalten geblieben als vom Langobardischen, wir hätten vielleicht das Wessobrunner Gebet, ein paar Predigten und Taufgelöbnisse aus dem 9. Jahrhundert als letzten Ausklang des Bairischen erhalten, was würden wohl die Germanisten und Historiker über die Herkunft jener Inseln sagen, die sich nicht einmal auf das Zeugnis einer auffallenden somatischen Besonderheit berufen könnten?

Nehmen wir an, jene Inseln sprächen den gleichen Dialekt, den sie heute sprechen, ich glaube, es würde keiner wagen, diese Inseln für Restbestände der verschwundenen Baiern zu erklären, sondern man wäre sich einig, daß sie vorgeschobene Kolonien der zwar durch einen romanischen Wall getrennten, aber doch irgendwie benachbarten Schwaben bzw. Franken seien. Man würde sagen: Wie das Bairische aussah, wissen wir einwandfrei aus den hinterlassenen Quellen; was jene Kolonisten aber sprechen, ist kein Bairisch, sondern ein durch romanische Nachbarschaft und spontane Weiterbildung in isolierter Lage verunstaltetes Schwäbisch bzw. Fränkisch.

Ebenso würde man es ablehnen, die Grenzsaumerscheinungen des Schwäbischen und Fränkischen auf ehemalige bairische Einwirkung zurückzuführen, denn die Abwesenden haben auch auf philologischem Gebiete unrecht.

Aus den drei angenommenen Inseln ließe sich wohl einiges Gemeinsame herausschälen, was weder schwäbisch noch fränkisch wäre, aber eine Rekonstruktion bairischer Lautgesetze wäre an Hand solcher Relikte mittels der ahd. Quellen völlig unmöglich. Und trotzdem erscheint uns heute im Rahmen des Gesamtbairischen der sprachliche Zustand jener erwähnten drei Gebiete als durchaus normal innerhalb der breiten Übergangszone zwischen Bairisch, Schwäbisch und Fränkisch. Von den altbairischen Formen lebt heute nur noch herzlich wenig — aber kann man deshalb etwa sagen, es gebe kein Bairisch mehr?

Wir dürfen also annehmen:

1.         Zwischen dem Langobardischen des 6.—9. Jahrhunderts, das uns aus wenigen schlecht überlieferten Vokabeln und Namen und rückerschlossen aus italienischen Fremdworten bekannt ist, und einem evtl. heute noch gesprochenen Langobardischen muß ein ebenso großer Unterschied sein wie zwischen dem Altbairischen und den gegenwärtigen bairischen Dialekten.

2.         Die Beziehungen, welche in geschichtlicher Zeit zwischen Baiern und Langobarden bestanden, müssen einen Kulturaustausch und damit auch eine sprachliche Einflußnahme zur Folge gehabt haben. Eine Reihe von hochdeutschen und oberdeutschen Erscheinungen scheint sogar im Langobardischen ihren Ursprung genommen zu haben. Von G. Baesecke und H. Brinkmann wurde in erschöpfender Weise der überragende Einfluß des Langobardischen auf das Althochdeutsche dargetan; «die Langobarden erschließen den Germanen nicht nur Italien und die christlich antike Bildung, sondern überdies auch die byzantinische und morgenländische Welt» (Fr. Stroh, Der Aufbau des Deutschen, Hirt-Festschrift 1936).

Jedenfalls müssen, dem Kulturgefälle entsprechend, die Erscheinungen zunächst ihren Weg von S nach N genommen haben, später dann umgekehrt.

3.         Zwischen den beiden Stammes- und Kultur- (bzw. Sprach-) gebieten muß es wie immer einen breiten Übergangsstreifen gegeben haben.

4. In den erhaltenen Sprachinseln des Übergangsstreifens, aber auch im anstoßenden geschlossenen bairischen und insbesondere dem südtiroler Sprachgebiet müssen sich auch heute noch Erscheinungen nachweisen lassen, die mittelbar oder unmittelbar langobardischen Ursprungs sind, um so mehr, als die erfahrungsmäßige Beharrsamkeit der Gebirgsmundarten ohnehin einen äußerst langsamen Verlauf der Angleichung an die übermundartliche «koiné» gewährleistet.

5. «Zimbern» ist ein durch gelehrte Vermittlung im 13. oder 14. Jahrhundert in Vicenza aufgekommener Deckname (11) für Restlangobarden oder wenigstens mit ihnen vermischte Bevölkerung, wie anderswo Goten, Angelsachsen oder gar Hunnen als Stammväter erdichtet wurden.

Als eine Bestätigung des letzten Punktes möchte ich auch die Behauptung des Antonio Loschi, der um 1400 in Padua lebte, ansehen, der sich selbst Cimbro nennt und erklärt, in der Vorzeit hätten sich die Zimbern «dall'Adige all'Adriatico» erstreckt, wobei der Stabreim möglicherweise für ein langobardisches Lied spricht, dessen Bruchstücke sich vielleicht ebenso fortvererbten wie die Versreste der Origo gentis Langobardorum aus älterer Zeit.

Im Jahre 1314 findet sich erstmalig die Stadt Vicenza «Cymbria» genannt und der Vicentiner Schriftsteller Ferretto dei Ferretti schreibt 1330 in seinem Werke «Historiae»: «Die Alten nannten Cymbria jene Stadt, die jetzt Vicenza heißt.» Man darf also wohl die Erfindung des Decknamens «Zimbern» für die Restlangobarden noch in den Ausgang des 13. Jahrhunderts zurückdatieren, das ist genau der Zeitpunkt des beginnenden italienischen Humanismus.

Beachtenswert ist auch, daß in einer Augsburger Schrift von 1571 «visentinisch» als besonderer deutscher Dialekt wie «westfälisch» oder «brabandisch» angeführt wird. Damit wurde damals also das «Zimbrische» bezeichnet und der in Tirol häufige Name «Wisentainer», der auch im venezianischen und tridentinischen Gebiet vorkommt, ist als die ältere Volksbezeichnung anzusprechen.

Unter Berücksichtigung der dargelegten Verhältnisse kommt man weiterhin zu dem Ergebnis, daß offenbar nicht nur das Zimbrische und Südtirolische, sondern der ganze breite Streifen des «Südbairischen» mit seinen auffallenden Erscheinungen als Auswirkung der langobardischen Einflußzone angesehen werden darf, und daß auch das Westbairische am Lechrain, das eigentlich nur einen an der schwachen Stelle zwischen den beiden vollentfalteten Sprachkreisen des bairischen und des schwäbischen Stammes vorgetriebenen Keil des Südbairischen darstellt, hierher gehört. Man ist dann der leidigen Annahme enthoben, daß die Erscheinungen des Süd- und Westbairischen, die eigentlich schon durch ihre geographische Lagerung in eine historisch frühe Zeit verweisen, lediglich negativ erklärbar seien; man hat dann das Langobardische als positiven Faktor zur Verfügung, und ich glaube, daß dies für die künftige Forschung noch recht fruchtbar werden kann.

All diese mehr theoretischen Erwägungen verlangen nach einer Stützung durch Einzelargumente die von der Forschung erst noch mühsam zusammengetragen, gesiebt und von anhaftenden Schlacken gereinigt werden müssen: alte Nachrichten über besonders typische langobardische Erscheinungen, die bis in die Gegenwart fortwirkend in den zimbrischen Inseln oder deren einst zimbrischer Umgebung als direkte Fortsetzung des Alten wieder zu erkennen sind.

Eine solche Erscheinung wäre z.B. der Wodan- und Freia-Glaube der Langobarden, der uns übereinstimmend in deutlichen Einzelerwähnungen bezeugt wird und den man in den Sagen vom «Wilden Mann» und vom «Beatrik» (des Suganertals), sowie in den Mythen von der Perchta, in den zahlreichen und ungemein entwickelten Geschichten von der Wilden Jagd, den Seligen Leuten usw., wiedererkennen könnte. Diese eigenartigen Traditionen mit mythischen Grundzügen häufen sich nämlich gerade im zimbrischen Raum und in den angrenzenden südtiroler Gegenden sehr.

Doch zu solchen aus der Volkskunde geschöpften, historisch kaum erfaßbaren und deshalb nicht unbedingt zwingenden Beobachtungen kommt nun als besondere Überraschung eine viel beweiskräftigere, wortkundliche Entdeckung, die ich im Jahre 1942 in den Sieben Gemeinden gemacht habe. Bei der Aufzeichnung von Sagentexten erzählte mir eine Frau von dem Geist eines Verstorbenen, der ihr einmal begegnet sei, und da gebrauchte sie dafür den Ausdruck «Börpoß» (Ton auf dem ö): «Ich habe den Börpoß meiner verstorbenen Mutter gesehen [12]». Sofort sagte ich mir, daß dies nichts anderes sein könne als die Entsprechung des «Walu-paus» oder «Walapauz» im Edictus Rothari 31, eine einmalige Nennung, die schon viel erörtert wurde und nach dem Sinn jener Stelle und der klaren Etymologie (ahd. wal, in Zusammensetzungen walu — Schlachttoter, Gefallener und Schlachtfeld — pauzan, pozan «schlagen») meist so gedeutet wurde, daß «man sich zur Verübung einer Gewalttat so vermummte, daß man einem Abgeschiedenen ähnlich sah». — Ich verfolgte die Frage weiter, und fand auch schon bei Schmeller-Bergmann (Zimbr. Wb.) eine Andeutung: «vorpot» fem. Gespenst eines Toten; da aber Bergmann offenbar nur auf einer schriftlichen Mitteilung seines Mitarbeiters aus Asiago aufbaute, klagt er in der Erläuterung des Wortes: «es käme darauf an, zu wissen, auf welche der beiden Silben der Akzent gelegt wird, um entscheiden zu können, ob dieses Femininum als personifiziertes Verbot oder als Nachhall des unüblich gewordenen poto (Bote) zu betrachten sei», also «Vorbote». Meine weiteren Untersuchungen in den verschiedenen zimbrischen Dörfern ergaben, daß Schmeller-Bergmann zufällig (wohl aus der Stadt Asiago) die entstellteste Form verzeichnet hatte.

Wie dies bei altertümlichen, nicht mehr in ihrer Zusammensetzung voll vom Volke verstandenen Wörtern immer der Fall zu sein pflegt, hat auch dieses Reliktwort trotz seiner geringen Verbreitungszone (bisher habe ich es nur in den Sieben Gemeinden angetroffen) verschiedene Lautvarianten. In dem ohnehin beharrsameren westlichen Teil der Sieben Gemeinden, der bis vor 50 Jahren noch durch die tiefe Schlucht der Val d'Assa abgeschnitten war, herrscht die ersterwähnte Form Börpoß (Varianten: Börbos und Bölbos), und zwar als Masculinum, das ich übrigens auch in Bosco bei Asiago feststellen konnte, obwohl dort die dem Bergmannschen Zitat verwandte Form Borpot (Var. Borbot, Borfot) gilt. Eine besonders schöne Ergänzung des Bildes gibt noch die in Foza im Jahre 1940 (jetzt ist der dortige zimbrische Dialekt endgültig ausgestorben) aufgezeichnete Benennung des «Schmetterlings» als belbos. Bekanntlich wird ja der Schmetterling vielfach als «Seelentier» angesehen. Darauf weist übrigens die sonst in den zimbrischen Dörfern herrschende Form siràtal (= Schrattel) hin, die auch in oberitalienischen Dialekten vorkommt.

Die etymologische Verknüpfung mit dem langobardischen walupautz (mit vollendeter Lautverschiebung walupaus) macht keine Schwierigkeiten. Das au der zweiten Silbe wird zu ô und dieses wird in der Nachsilbe gekürzt, sonst müßte es zu oa diphthongiert sein, wie bei groaß (in mehrsilbigen Formen aber grossar mit offenem o).

Alleindastehend ist nur das Auftreten eines u-Umlautes im ersten Wortteil, offenbar als Überrest eines lautgesetzlichen Vorgangs, für dessen spätere Ausgleichung keine Vorbilder vorhanden waren, so daß uns eigentlich der gesamte alte Wortkörper aus dem 7. Jahrhundert erhalten blieb — denn 643 wurde Rotharis Edikt erlassen.

Wirft dieses Beispiel einer ungebrochen und offenkundig nicht durch romanischen Mund übermittelten Wortüberlieferung nicht ein blitzartiges Licht auf die Stellung des Zimbrischen? Können wir überhaupt fordern, daß uns noch beweiskräftigere Zeugnisse beigebracht werden? Es gehen also unmittelbare sprachliche Beziehungen von den heutigen Zimbern zurück bis zu den echten alten Langobarden; über die somatischen Beziehungen besteht nach dem rassischen Befund sowieso kein Zweifel. Den Zuzug einzelner späterer Siedler aus Tirol oder Bayern wird man ebenso zugeben, wie man das Zuwandern einzelner Romanen aus der Ebene als sicher annehmen muß.

Besonders lockend dürfte aber das Leben auf jenen kargen weltabgeschiedenen Höhen für keinen gewesen sein, der vorher etwa in der Trienter oder Bozener Gegend seinen Wohnsitz hatte. Es war ein völlig anderes, auf Kampf und Kampfbereitschaft aufgebautes Leben, das jene Bergbewohner im Gegensatz zu den friedlich unterm Krummstab oder der väterlichen Fürsorge eines Grafen lebenden Tirolern führten. So bildeten sich dort auf den Bergen lauter kleine Republiken. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen kann ich eigentlich nur in der Zeitspanne von 950—1000 in der bairischen Evolutionsepoche eine Möglichkeit stärkerer kultureller bairischer Einflußnahme erblicken.

In der Folgezeit können nur einzelne deutsch geschulte oder in Deutschland geborene Priester spärliche Kultur- und Sprachströmungen übermittelt haben. Die neuere mächtigere Beeinflussung von Deutschland her beginnt erst mit dem 19. Jahrhundert, worauf schon hingewiesen wurde.

Doch wie kamen die langobardisch-«zimbrischen» Siedler auf die Berge? Was zwang oder bewog sie dazu? Ich glaube nicht, daß irgendeine zielbewußte Organisation, Flucht in Kriegsnot oder etwas ähnliches dahinterstand. Ich glaube vielmehr, daß es sich einfach um die automatische Fortsetzung jener alten langobardischen Grenzkolonisation handelt, die man Arimannensiedlung nennt, über die bereits weiter oben gehandelt wurde. Von den Arimannengemeinden aus, die am nördlichen Rand der Ebene von Vicenza und auf dem Hügelland ob Verona (13) lagen und die im ausgehenden Mittelalter von den Humanisten den Cimbern des Marius zugeschrieben wurden, schob sich eine spontane Rodungsbewegung nordwärts vor. Einzelne nachgeborene Söhne, die andernfalls ihr Leben in dienender Stellung als Hirten und Taglöhner hätten verbringen müssen, ließen sich in dem bis dahin unbebauten Land, das sie bei ihrer Arbeit kennenlernten, als selbständige, von ihren Brüdern und Verwandten unabhängige Neusiedler nieder. So hat sich auch in jüngerer Zeit noch der Ort Lusern von Lavarone aus durch die Ansiedlung von vielleicht nur zwei Familien Nicolussi und Gaspari gebildet, weshalb heute diese beiden Geschlechtsnamen dort fast ausschließlich herrschen. Und in Lavarone gibt es ebenso heute noch die beiden Weiler Nicolussi und Gaspari, die als Ausgangspunkt der Siedlung zu betrachten sind. Seit dem 16. Jahrhundert, das etwa als Zeitpunkt der Luserner Aussiedlung anzusetzen ist, bis 1905 (nach Bacher) sind die Nicolussi auf über 160 und die Gaspari auf 25 Familien angewachsen. Giazza, das heute rund 700 Einwohner hat, geht nach Volksmeinung ebenfalls auf 3—4 Ansiedler zurück, allerdings in einer Zeit, wo die Familiennamen noch nicht fest waren, so daß sich die ursprünglichen Verhältnisse nicht in den Geschlechtsnamen spiegeln, die übrigens, je nachdem man sie für den Hausgebrauch oder für italienische Behörden brauchte, meist in zimbrischer und italienischer Fassung vorhanden waren. Die Namen geben also keinen sicheren Anhaltspunkt für die sprachliche Zugehörigkeit ihrer Träger.

Was uns aber bei der Feststellung dieser kolonisatorischen Tatsachen am meisten interessiert, ist die Beobachtung, daß die auswandernden Siedler ihre Sprache jeweils besser behaupten als die zurückbleibenden Volksreste. Besonders deutlich sieht man dies bei dem jüngsten historisch verfolgbaren Vorgang dieser Art, nämlich bei Lusern, dessen Ursprungsorte Nicolussi und Gaspari heute jede Spur des Zimbrischen verloren haben, während die Luserner treuer als alle andern ihre Sprache behaupteten (14). Die Ursache für diesen Vorgang muß darin gesehen werden, daß jeweils die intelligenteren und selbstbewußteren Elemente sich dazu entschlossen, eine unabhängige Heimstätte im Neuland zu gründen und daß auf diese Art eine für die Spracherhaltung positive Auswahl zustande kam.

Für systematische Siedlungsunternehmungen haben wir in früherer Zeit ein paar Belege, die nur dehalb aufscheinen, weil sie die Ausnahme bildeten. So die oft zitierte Urkunde von 1215, wo der Fürstbischof Friedrich von Wanga den Berg (Almweide) zwischen Costa Cartura (bei Folgaria) und Centa an Ulrich und Heinrich von Bozen verkauft, damit sie dort zwanzig oder mehr Höfe anlegen können. Offenbar handelt es sich um die heute in der Ortschaft San Sebastiano (bei Folgaria) zusammengefaßten Ansiedlungen. Woher die Siedler geholt wurden, ist nicht gesagt, der Mehrzahl nach wohl aus den umliegenden zimbrischen Gemeinden, doch scheint mir ein gewisser Einschlag von Tiroler Siedlern nicht von der Hand zu weisen zu sein, da heute noch die Mundart von San Sebastiano sich durch die labialisierten a und sonst noch einige auffallende Merkmale vom benachbarten Carbonare scharf unterscheidet, obwohl der allgemein zimbrische Typus in Wortschatz, stimmhaften s und v und teilweise auch in Wortbildung und Satzbau nicht zu verkennen ist.

Als anderer solcher Beleg (für die Dreizehn Gemeinden) wird eine Urkunde von 1287 angeführt, wonach der Bischof Bartolomeo della Scala von Verona zwei Deutschen, einem Olderich «de Altissimo» im Chiampotal bei Crespadoro und einem Olderich «aus dem Gebiet von Vicenza» die Erlaubnis gab, sich mit ihrem Gefolge in dem öd liegenden Gebiet von Rovere di Velo anzusiedeln.

Sie genossen weitgehende Sonderrechte, wogegen sie sich zum Zehnten und zum Kriegsdienst für die Stadt verpflichten mußten. — Es ist unmöglich, wie es geschehen ist, diese und die Wanga-Urkunde zu verknüpfen und anzunehmen, daß etwa nach Folgaria ein solch großer Zustrom von Siedlern gekommen sei, daß er auf Umwegen über das Vicentinische ins Veroneser Bergland abgeleitet werden mußte.

Vielmehr wimmelte das ganze Land von den Restlangobarden, die sich teutisci (so im Placitum von Trient ao. 845) nannten, wenn sie ihre alte Sprache noch nicht aufgegeben hatten, wie es bei den langobardischen adeligen Familien, die heute noch in zahlreichen italienischen Adelsfamilien fortleben, wohl rasch der Fall war.

Es erscheint mir sogar sehr wahrscheinlich, daß unser Wort «Deutsch» den Ursprung seiner heutigen Bedeutung im Langobardenreich zu suchen hat. Um 350 erfand der Gote Ulfilas die Bezeichnung thiudisko als Übersetzung zu griech. éthnikos = nichtchristlich, heidnisch. Mit der gotischen Bibel brachten dann die Goten des Theoderich 489 das Wort nach Italien. Dort überlebte es, wie wahrscheinlich viele andere Begriffe und Einrichtungen (so der Name «Lagertal», der schon in der gotischen Form Ligeris überliefert wird (Rom. Germ. II, 66), die kurze Zeit zwischen dem Untergang der Goten 555 und dem Einbruch der Langobarden 568.

Bei diesen bekam nun das Wort ein ganz neues Bedeutungsschwergewicht durch das starke Selbstbewußtsein des Volkes, wie es besonders aus dem Edikt Rotharis spricht. Schon die groß Anzahl von Eigennamen, die mit theuda = Volk zusammengesetzt sind, zeigt uns dies an.

Der von der römischen Kirche bekämpfte nationale Arianismus mochte gleichfalls dazu beitragen, den Begriff heidnisch-germanisch nun in trotzigem Selbstbewußtsein in «nichtrömisch-germanisch» umzumünzen. Paulus Diaconus übersetzt es I, 13 offenbar mit «quaedam patria verba».

Es wurde Modewort und gelangte im Fluge zu den Nachbarstämmen der Baiern, Alemannen und Franken und über Rom zu den Angelsachsen und schränkte schließlich seinen Bedeutungsumfang auf das den verschiedenen Stämmen Gemeinsame, die Sprache, ein.

In diesem älteren, rein sprachlichen Sinne wird das Wort auch heute noch von den veroneser Zimbern gebraucht, wenn sie sagen «bar reidan tautsch».

Wie in diesem Falle haben wir in zahllosen anderen den Ursprung oder Antrieb zu neuem Kulturgeschehen zwischen 600 und 900 bei den Langobarden zu suchen. Sie waren die großen Vermittler zwischen dem Geisteshort des Altertums, der auf steril gewordenem Boden lag, und der folgenden, auch innerlich germanenbestimmten Zeit.

Betrachten wir vorstehende Ausführungen, die zur Einleitung eines größeren, vorläufig leider nicht druckbaren Werkes über die Erscheinungen der zimbrischen Volkskunde geschrieben wurden, als Grundriß einer neuen Arbeitshypothese, so wird es uns möglich, das Verhältnis der sog. «Zimbern» zu ihren hochdeutschen Dialektnachbarn Baiern und Alamannen besser zu verstehen, als durch Annahme einer willkürlichen Kolonisation. Und es darf uns die nahe Gewißheit, daß noch letzte Reste der langobardischen Nation als sog. Zimbern Ausklänge ihrer den hochd. Dialekten Bairisch und Alemannisch nächstverwandten Sprache in unsere Tage herübergerettet haben, mit stolzer Freude erfüllen. Hoffentlich gelingt es den italienischen und deutschen Zimbernfreunden, den völligen Untergang dieses lebendigen Kulturdenkmals aufzuhalten und unter den neugewonnenen Gesichtspunkten noch recht viel neues Material historischer, rechtskundlicher, volkskundlicher, namenkundlicher und sprachlicher Natur beizubringen, das es gestattet, die vorliegend umrissenen Linien auszubauen und eine weitere Bastion gesicherten Wissens in den dunkelsten Bereichen der Germanenkunde aufzurichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

(1)    Schon die vorsichtigen und gründlichen Untersuchungen von Schindele (Reste deutschen Volkstums, Köln 1904) stellen sich gegen die reine Kolonisationshypothese.

(2)    Zum Menschentyp: « Das Gesicht der Zimbem ähnelt noch sehr dem der Deutschen. Man trifft auf magere strenge Gesichter mit langen schlichten Haaren und mit offensichtlich fremdländischen Augen und Zügen » (Francesco u. Carlo Cipolla, die besten italienischen Kenner der 13 Gemeinden 1902).

Auffällig ist übrigens in Giazza der Unterschied zwischen Männern und Weibern; erstere zeigen vorwiegend den nordischen Schlag, letztere aber einen bis zur Gleichartigkeit romanischen oder vorromanischen Rassentyp. Hier liegt spätere Aussiedlung aus dem heute restlos italienischen Selva vor. Der Typenunterschied zwischen Mann und Weib scheint darauf zu beruhen, dass nur fremde Weiber einheirateten.

(3)    Er denkt dabei an die norddeutschen Küstengebiete und Dänemark.

(4)    Diese im Volk tief verwurzelte Geographie gibt zu denken. Die Zimbern haben immer als Italiener gefühlt und sich als solche bekannt; erst seit ihrer Tätigkeit als Sommerarbeiter wurden sie sich überhaupt der sprachlichen Verwandtschaft mit den Deutschen bewusst, die vorher nur einzelnen ihrer Gelehrten aufgegangen war.

(5)    In diesem Zusammenhang sei vor allem die im Zimbrischen von Giazza stark ausgebildete Mouillierung von n und l erwähnt, deren Wirksamkeit im Romanischen auf ein hohes Alter datiert wird. Es wäre m.E. undenkbar, daß ein deutscher (Tiroler) Dialekt in weniger als sechs Generationen von einem so tiefgreifenden Lautgesetz durchdrungen würde, das den ganzen Charakter der Sprache ändert. Besonders halte ich es für unmöglich, wenn in der fremden Sprache der Vorgang bereits abgeschlossen war, und wenn nicht sehr innige Berührungen zwischen den Trägern der beiden Sprachgruppen bestanden. Das letztere war in Giazza, solange wir den Ort als besiedelt nachweisen können (etwa 1500), aber nie der Fall, außerdem muß man schon logischerweise annehmen, daß bereits vor dem Zeitpunkt der Wirksamkeit des Mouillierungsgesetzes beide Sprachen in solcher Berührung miteinander standen, daß die auf beiden Seiten vorhandenen unmouillierten Lautgruppen als gleichartig empfunden werden konnten. Der Fall liegt aber sonderbarerweise so, daß weder aus den germanischen noch aus den romanischen Lautentwicklungen klar entnommen werden kann, was für die zimbr. mouillierten Lautgruppen maßgebend war. Durchgehend mouilliert sind so z.B. alle ll (gleichgültig welcher Herkunft), was dem Ital., aber auch dem Lad. fremd ist. Man könnte als Anstoß für die zimbr. Mouillierung höchstens eine ital. Vorstufe des lj < cl ansetzen, die der zimbr. ll-Ausspr. etwas ähnelte — ich denke da etwa an die merkwürdige Aussprache von germ. ll im Neuisländischen als t + l, für die wir allerdings auf deutschem Boden bisher keine Parallelen kennen.

(6)    Es sei z.B. auf das zimbr. Wort für Sense hingewiesen, das in Roana segorsaga, segensaga lautet. Der erste Wortteil geht nach dem gemischtsprachlichen Ableitungsbewußtsein der Leute auf das ital. segare «ernten» zurück, der zweite bedeutet zimbr. «Säge», zusammen also «Erntesäge», wozu noch ein von SchmBg überliefertes «sagen» (it. falciare) «mähen» hinzukommt. Das Ganze geht auf den Gebrauch der gezähnten Sichel zurück, die auch vom rom. Worte segare (ML 7764, 3) vorausgesetzt wird. Das zimbr. Wort dokumentiert uns also die Herkunft aus dem südlichen Getreideland.

(7)    Z.B. zimbr. tzait bedeutet «Wetter» (it. tempo) — zimbr. hoarn bedeutet «wahrnehmen, riechen, fühlen» (it. sentire) — zimbr. lant bedeutet «Ortschaft» (it. paese) u.a.m.

(8)    Hier sei vor allem auf den nur über das Italienische verständlichen Gebrauch des Gerundiums hingewiesen, der aber voraussetzt, daß zur Zeit der Berührung der beiden Sprachen im Zimbrischen die auf deutschem Boden früh verschwindende Form noch lebendig war. Nach italienischer Art kann das zimbr. Gerund. ganze Nebensätze ausdrücken, z.B. (Giazza) heninje z nicht gasecht khein = «da er sie nicht hatte kommen sehen». Ebenso ist der absolute Gebrauch des Infinitivs italienisch: (Giazza) tze loutzanse an (it. a guardarla) «als er sie ansah». Der Gebrauch der Hilfsverba «kommen» und «bleiben» in passivischem Sinne ist dem Deutschen völlig fremd, z.B. (SchmBg) bolaiban gaschadet «zu Schaden kommen» — z kimmet euch zu kemman bool gabelt «ihr sollt geliebt werden» — keman pfaffe «Geistlicher werden». Es. seien an dieser Stelle nur diese wenigen Beispiele geboten, die an anderer Stelle zusammen mit dem übrigen, sehr umfangreichen einschlägigen Material noch viel eingehender untersucht werden müssen. — Übrigens sei auch auf die allerdings von der bairischen Abstammungshypothese ausgehende Arbeit E. Gamillschegs verwiesen: Die Romanischen Elemente in der deutschen Mundart von Lusern, Halle 1912, in der das von Bacher gesammelte Material mustergültig romanistisch ausgewertet wird.

(9)    Ein typisches Beispiel hierfür ist die heute in ganz Tirol übliche volkstümliche Bezeichnung «Gitsche» für Mädchen. Das Wort hat kaum eine nüanzierende Nebenbedeutung, sondern wird vielmehr im allgemeinsten Sinne gebraucht, höchstens daß der Tiroler mit besonderem Stammesstolz gern seine eigenen Landsmänninnen damit bezeichnet. So heißt es im Spingeser Schlachtlied (1795):

Oes Gitschelar, ös Weibelar gäbt acht! Daß enk öper der Franzos nit aupackt!

Diese Bezeichnung «Gitsche» reicht nun auffallenderweise bis Giazza ob Verona, wird dort aber nur (was ich auch ein paarmal in Südtirol feststellte) für ein Mädchen im Backfischalter gebraucht. In den Sieben Gemeinden kennt man das nicht; dort bedeutet «Gitsche» einen weiblichen Hund wie im anliegenden Italienisch (venez. kitza — comel. kipa — enneb. kitse, abt. kica). Daß diese wohl aus dem Langobardischen stammende Tierbezeichnung (zu *gid-iska vom Stamme *gid- «begehren») nun aber wirklich mit dem zimbr.-tirol. «Gitsche» zusammengebracht werden darf, erhellt erst aus einer ebenfalls in Giazza üblichen, parallelen Bezeichnung für den jungen Burschen «Bracke», das gleichfalls auf Igb. Erbe zurückgeführt werden darf und den «Jagdhund» bedeutet.

(10)   Attlmayr veröffentlichte auszugsweise das vom österreichischen Postmeister Widter in Vicenza gesammelte Material (handschriftlich im Museum Ferdinandeum, Innsbruck), das man auch heute noch vervollständigen könnte. Widter erkannte, daß nach Ausweis der Flur- und Geschlechtsnamen, der Überlieferungen und Rassenmerkmale der Bewohner zwischen den VII und XIII Gemeinden am Rande der Berge und auf deren bewohnbaren Höhen ein unerwartet großes Gebiet liegt, das noch um 1600 zimbrisch sprach. Besonders überzeugt ein von Widter exzerpiertes Dokument «Relazione sulle Alpi Vicentine» eines «Conte Caldogna» von 1598: ein Bericht an den Dogen Grimani von Venedig über die Zweckmäßigkeit der Bildung einer Miliz aus den deutschen Gebirgsbewohnern. Dieses wichtige Dokument ist in Deutschland noch nie im Wortlaut veröffentlicht worden. Ich beabsichtige es als Anhang meiner zimbrischen Volkskunde herauszugeben.

(11)         Warum wohl wollte niemand von den Langobarden abstammen? Vielleicht hatte ihre Sprache einen besonders rauhen, unkultivierten, die Ohren des Lateiners beleidigenden Klang, vielleicht war das Langobardische selbst den Ohren der übrigen deutschen Stämme unsympathisch, wie wir dies heute vom Sächsischen oder vom Schwäbischen sagen — will doch z.B. auch heute noch am Lechrain keiner ein Schwabe sein, selbst wenn er schon stärker schwäbelt als ein Durchschnitts-Augsburger. Oder es ist historisch zu begreifen, daß das Langobardische im Zustand seines allmählichen «Strohtodes», der vom tragischen Ausklang des Cimbernzuges und des Gotenreiches sehr verschieden war, selbst den Epigonen als schimpfliche Erinnerung nachging und von ihnen selbst durch Unterschieben heldenhafterer Vorfahren wegdisputiert wurde. Dafür spricht auch der durchweg pejorative Bedeutungsinhalt der aus dem Worte «langobardisch» entstandenen dialektischen Ableitungen: parlare uno slambrotto = eine unbekannte Sprache sprechen, mangiare i slambrotti = die Überbleibsel verzehren (Mitteilung von Lehrer Art. Nikolussi aus Luserna). slambrot = deutscher Dialekt von Folgaria, slambrottar = schlecht und unverständlich reden, pfuschen, slambrot (bresc.) Pfuscherei, slambroz (com.) Besudelung mit unreinem Wasser, lumbard (churwälsch) Bettler (nach Schneller, Rom. Ma.).

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Notiz Schmellers im zimbr. Wb. S. 150: Biar rüfen de Belosen «Paurn» un de Belosen rüfentüz «Slaperi»: seu nutzent dise bort, benne se bent spotten sich oaz dez ander (= Wir nennen die Italiener «Bauern» und die Italiener heißen uns «Slaperi»; man verwendet diese Ausdrücke, wenn man sich gegenseitig ausspotten will). Das «Slaperi» erinnert, wie schon Schneller, Rom. Volksma. 1870, S. 187 erkannt hat, an den Langobardennamen. Daß von den Bergbewohnern «Bauern» als Schimpfwort für die Tieflandbewohner gebraucht wird, ist nicht aus sich verständlich. M. E. steckt dahinter ein Klassengefühl, wie man es aber bei einer Kriegerklasse, wie den Arimannen, gegenüber einer Bauernklasse (die vorwiegend aus unterworfenen Eingeborenen bestand) wohl begreifen könnte.

(12) «Börpoß» kann aber auch außerdem ein altertümliches graues, um Kopf, Schultern und Brust geschlagenes Kleidungsstück bezeichnen, was im Hinblick auf die alte, sehr klare Definition des Wortes höchst beachtlich ist. Man vgl. Edictus Rothari 31: «Walapauz est, qui se furtim uestimentum alium induerit, aut se caput latrocinandi animo aut faciem transfigurauerit».

(13)        Bei Velo Veronese finden wir eine Silva Hermanorum (22.I.969) urkundlich belegt (vgl. Cipolla, Le popolazioni dei XIII Com. Ven. 1883), wo reiches Materialbeigebracht, aber wenig verwertet ist.

Einen deutlichen Hinweis auf die Richtung, aus der die Bergsiedlungen herstammen, gibt uns deren einstige Pfarrzugehörigkeit. Die Mutterpfarren sind durchwegs heute völlig italienische Orte in Tallage oder am Rande der Ebene, so z.B. für Asiago, Roana, Gallio, Rozzo (in den Sieben Gemeinden) der Ort Caltrano bei Thiene, für Foza der Ort Campese bei Bassano, für Fol-garia der Ort Volano an der Etsch usw.

(14)        Fr. Huter, «Das Dorf der Getreuen», Bozener Tagblatt, 6.5.1944.

Interessant ist, daß auch die deutschen Dialekte südlich des Monte Rosa, die man gewöhnlich den Walser Kolonisten zuschreibt, sprachlich weitgehend ähnliche Erscheinungen wie das Zimbrische aufweisen. Es gibt dort genau dieselbe Mouillierung wie in Giazza, die langen und kurzen mhd. a sind unverändert erhalten und selbst das Gerundium kommt in ähnlicher Funktion vor, ganz abgesehen davon, daß die italienische Intonation wie bei den Zimbern herrscht. Ich habe diese Dinge erst kürzlich bei einer Schweizer Vortragsreise in Erfahrung gebracht. Sie müssen und werden nunmehr von den zuständigen Wissenschaftlern untersucht werden. Ich glaube also, daß man damit rechnen darf, daß meine Langobardentheorie auch in der Schweiz fruchtbaren Boden findet.

 

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